Die Prüfung des Grundsätzlichen

Die Prüfung des Grundsätzlichen bezieht sich auf Arbeiten aus den Jahren 2012 bis 2018. So unterschiedlich diese in der Themensetzung sind, eint sie doch ein gemeinsamer künstlerischer Ansatz.

Es ist eine Kunstauffassung, welche die Schöpfung aus der Vorstellung pflegt und dabei das Gegenständliche schätzt. Die Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung wird gepflegt. Abstrakte Betrachtungen finden in Komposition, Konfiguration sowie den Stadien des Mal- und Betrachtungsprozesses Widerhall. Realismus ist kein Maßstab, aber ein dem Realismus ähnlich hoher Grad an visueller Information wird angestrebt. Dies ist ein Gestaltungsmittel von vielen, genutzt für die Erarbeitung des Bildes. Diese Mittel und ihre Auswirkungen stehen durchaus zeitweise in Widerspruch zueinander; diese Widersprüche stellen selbst ein Mittel zur Gestaltung dar. Das Bestimmen des Verhältnisses dieser oft in Konkurrenz stehenden Gestaltungsmittel und ihrer Wirkungen ist ein wichtiger Aspekt beim Schaffen der Bilder. Malerei wird hier auch verstanden als qualifizierte Auseinandersetzung mit der menschlichen Wahrnehmung.

Dies gilt auch für maltechnische Fragen: die Wirkung von Farben und Formen zueinander, das Über- und Nebeneinander, welches sich im Laufe des Malprozesses ergibt, verlangen ähnliche Überlegungen. Ein besonderes Spannungsfeld ergibt sich zwischen der Tendenz zur Verallgemeinerung und der Arbeit am Detail. Biographische oder anekdotische Faktoren stehen im Hintergrund.

Im Allgemeinen setzen sich die Bilder mit einem, selten mit mehreren Themen auseinander. Dieses Thema dient als Ausgangspunkt einer Untersuchung, deren Ergebnis mir unbekannt ist. Die Ausarbeitung des Bildes erfolgt mit der Bearbeitung des Themas, das eine bedingt das andere.

Häufig sind die Arbeiten eine zielgerichtete Auseinandersetzung mit einem bestimmten Themenfeld, einem Eindruck oder einer Stimmung. Oft sind diese als Fragen formuliert (wenn der Himmel Wasser wäre – wäre man überall am Ufer?). Am Beginn bin ich mir oft im Unklaren hinsichtlich meiner Gedanken und Empfindungen über den Gegenstand der Arbeit. Mit der malerischen Bearbeitung entsteht Klarheit, und damit werden auch die künstlerischen Lösungen deutlich.

Eine besondere Rolle fällt bei diesen Arbeiten der Technik und dem Faktor Zeit zu – gerade die größeren Formate stellen Projekte dar, die viele Monate in Anspruch nehmen. Die Bilder entstehen aus einer Unzahl kleiner Farbpunkte,welche sich ergänzen, überlagern, verdecken, einander gegenüber gestellt werden.

Das fertige Werk wird erreicht, in dem Ebene über Ebene von Arbeit, von Farbe und von
Bedeutung schrittweise in der endgültige Erscheinung des Bildes aufgeht. Das Ergebnis
unterscheidet sich oft dramatisch von den Einzelstadien, die es während seiner
Entstehung durchlaufen hat. Die Arbeiten befassen sich hier genauso mit dem Ununterscheidbaren, aus dem sich ein Ganzes zusammen setzt, wie mit der Freude am Sichtbaren.

Die Arbeit am Bild beginnt oft mit Entwürfen, sei es in der Zeichnung, gemalt oder in der Vorstellung. Ich schätze hier die Zeichnung für ihre Fähigkeit, dem inneren Bild unmittelbar Ausdruck zu verleihen, sei es aus der Fantasie oder der Beobachtung folgend.

Den Arbeiten aus den Jahren 2012 bis 2018 ist, über die Themen der einzelnen Bilder hinweg, der Bezug zu Grundaspekten der menschlichen Existenz, zu menschlichen Erfahrungs- und Handlungsräumen und deren Bedingungen, gemeinsam.

Dies zeigt sich zum Einen in der figürlichen Arbeit – Menschenbilder am Grat zwischen mimischer Verzerrung und plastischer Zerlegung. Die Grenze des Ausdruckes und damit des Ausdrückbaren wird geprüft, gedehnt, immer noch weiter hinausgeschoben.

Zum Anderen nimmt auch die Beschäftigung mit der Umwelt einen immer wichtigeren Rang ein. Umgebung, Landschaften, imaginierte Räume dienen zur Umschreibung der Bedingungen des Seins. Auch hier spielen das Austesten von Grenzen der Gestalt, der Konfiguration und die Variation der Form eine große Rolle.

Matthias Lechner